Ärzte sprechen vom Komplexen regionalen Schmerzsyndrom, englisch Complex Regional Pain Syndrome CRPS, wenn Patienten mit brennenden Schmerzen in einem Arm oder Bein in ihre Praxis kommen. Häufig klagen Betroffene über Hitze, Schwellungen, Missempfindungen und Bewegungseinschränkungen in der Extremität und können sich nicht erklären, wie ein harmloser Sturz oder das Anstoßen am heimischen Wandschrank so massive Beschwerden hervorrufen können.

Das Komplexe regionale Schmerzsyndrom – was ist das?

CRPS beschreibt eine Nervenerkrankung, die in Armen oder Beinen auftritt, sich durch dauerhafte Schmerzsymptome und eine zunehmende Mobilitätseinschränkung auszeichnet. Sie tritt plötzlich, oft als Folge eines geringfügigen, aber Gewebe schädigenden Ereignisses auf, etwa nach einem Schlag, Sturz, einer Verstauchung oder Zerrung. Frauen sind zweimal häufiger als Männer betroffen und hier besonders ab dem 40. Lebensjahr. Grundsätzlich lassen sich zwei Erscheinungsformen unterscheiden:

1. CRPS Typ I

Die früher als „Sudecksyndrom“ bezeichnete Erkrankung befällt meist nur eine Körperseite und das, obwohl es vorher keine Nervenverletzung am betroffenen Arm oder Bein gegeben hat. Bereits ein zu eng sitzender Gipsverband kann bei 2 % aller Patienten mit einem Knochenbruch CRPS-Symptome auslösen, die sich wie folgt äußern:

– Brennende, einseitige, schlecht lokalisierbare Schmerzen in Arm oder Bein,
– Flüssigkeitsansammlungen, sogenannte Ödeme im Gewebe,
– gesteigertes Hitze- oder Kälteempfinden in der Extremität,
– veränderte Schweißsekretion,
– erhöhte Schmerzsensibilität, leichte Berührungen sind kaum auszuhalten,
– schlecht durchblutete, trockene, schuppige Haut,
– zu- oder abnehmendes Nagel- oder Haarwachstum,
– Gelenkssteifigkeit,
– eingeschränkte Beweglichkeit.

Exkurs zum Thema Nerven

Medizinisch gesehen sind Nerven Körperstrukturen, die der Erregungsweiterleitung dienen. Der einzelne Nerv besteht aus unzähligen Fasern, die von einer Bindegewebsschicht umgeben sind. Im Verlauf einer CRPS-Erkrankung scheint ihre Zahl abzunehmen, das Zellvolumen verkleinert sich, das Gewebe an der befallenen Stelle schrumpft. Oft nehmen Patienten, aufgrund der Schmerzen, eine sogenannte Schonhaltung ein, was den Abbauprozess noch beschleunigt. Bleibt das komplexe regionale Schmerzsyndrom gänzlich unbehandelt, fallen zusammen mit der Entzündung Nervenzellen aus, später baut der Knochen Mineralstoffe ab, die Gefahr der kompletten Bewegungsunfähigkeit steigt.

2. CRPS Typ II

Im Gegensatz zu Typ I ist hier eine Nervenverletzung passiert. Häufig sind Sportler oder Menschen, die berufsbedingt körperliche Lasten tragen müssen, davon betroffen. Patienten mit einer angeborenen Patellafehlstellung und einem damit verbundenen höheren Anpressdruck im Knie können ebenfalls an einem Komplexen regionalen Schmerzsyndrom erkranken.

CRPS Diagnosestellung – wer ist der richtige Ansprechpartner?

Betroffene sollten sich in jedem Fall zuerst an ihren Hausarzt wenden. Er nimmt sich Zeit für eine gründliche Anamnese, das bedeutet, dass er die richtigen Fragen stellt, um eventuell mögliche Erkrankungen aus dem rheumatischen Formenkreis, Infektionen und Thrombosen auszuschließen. Danach überweist er den Betroffenen an den Neurologen.

Bildgebende Verfahren bringen Gewissheit

Um ein Komplexes regionales Schmerzsyndrom zweifelsfrei diagnostizieren zu können, nutzt der Facharzt folgende Methoden
– Szintigrafie:
Dabei wird ein leicht radioaktiv markiertes Medikament in die Armvene injiziert. Nach einer einstündigen Wartezeit folgt die Untersuchung des Patienten in einer CT-Röhre. Dabei entstehende Querschnittsbilder geben Auskunft über die Funktion und den Stoffwechsel im fraglichen Körperteil.

– Ninhydrintest:

Hier legt der Patient seine Hand, seinen Fuß auf ein Blatt, der Arzt markiert die Umrisse, schwenkt es anschließend in einer Ninhydrinlösung. Nach dem Trocknen färbt sich das Papier, im Fall einer zu geringen Schweißabsonderung, violett, was auf ein Komplexes regionales Schmerzsyndrom hindeuten kann.

– Thermografie:

Eine Wärmebildkamera misst die Stärke der vom betroffenen Körperteil abgegebenen Infrarotstrahlen und übersetzt sie in elektrische Signale, die Auskunft über seine Oberflächentemperatur geben.

– Radiologie:

Röntgenbilder lassen, besonders bei einem fortgeschrittenen Krankheitsstadium, fleckförmige Entkalkungen des Knochens erkennen.

Was hilft Betroffenen? Therapieformen bei CRPS

1. Ambulante Schmerztherapie:

als Basisversorgung bewirkt sie, dass Patienten die Symptome einer Nervenentzündung besser in den Griff bekommen und, trotz belastender Diagnose, ein menschenwürdiges Leben führen. Im Einzelfall kommen folgende Präparate infrage:

– Cortison verbessert die Schwellung,
– langsam wirkende Opioide lindern den Schmerz,
– trizyklische Antidepressiva stabilisieren die Gemütsverfassung,
– Bisphosphonate helfen bei Ödemen, Rötungen und Überwärmung,
– Capsaicin- oder Chilipflaster beruhigen das sympathische Nervensystem,
– Benzodiazepine machen müde, leider aber auch abhängig.

2. Stationäre Behandlung:

Wer rechtzeitig, also noch vor der Chronifizierung der CRPS, zum Neurologen geht, der hat die Möglichkeit, auftretende Symptome durch eine kombinierte Physio-, Ergo- und Psychotherapie zu reduzieren. Auf Nervenerkrankungen spezialisierte Kliniken punkten durch ihre Kompetenz, ein entsprechendes Behandlungsumfeld und sofort verfügbare Termine.

3. Invasive Therapien: beruhigen das sympathische Nervensystem

– Selektive Sympathikusblockade bei CRPS im Arm

Dabei wird, meist in einer Serie von 10 Einzelsitzungen, ein örtliches Betäubungsmittel ins Nervengeflecht des Halses injiziert. Im Laufe der Behandlung lassen sich die Durchblutung im betroffenen Arm, die Schweißabsonderung und das Haarwachstum normalisieren, die Schmerzen pendeln sich im mittleren Bereich ein.
Dauer der Behandlung: 15 – 20 Minuten/pro Sitzung

– Lumbale Grenzstrangblockade bei CRPS im Bein

Bei dieser Therapiemethode befindet sich der Patient in Bauchlage. Mithilfe einer Röntgenkontrolle wird die Einstichstelle im Lendenbereich gesucht und, unter örtlicher Betäubung, die Injektion in die Wirbelsäule durchgeführt. Danach bessert sich die Blutversorgung, der Schmerz wird erträglich, die Nebenwirkungen sind vernachlässigbar.
Dauer der Behandlung: 1 Stunde

– Lidocain Infusion:

Das örtliche Betäubungsmittel Lidocain wird hier über die Armvene verabreicht. Nebenwirkungen kommen nur selten vor, möglich sind ein Infekt oder ein allergischer Schock.
Dauer der Behandlung: 4 – 5 Stunden
Nach einer invasiven Therapie beruhigt sich das sympathische Nervensystem des Patienten in den meisten Fällen und bleibt dann für längere Zeit stabil. Manchmal wechselt die Erkrankung allerdings von einer Köperseite auf die andere.

Was hilft, wenn nichts hilft …

Wenn das Komplexe regionale Schmerzsyndrom immer wieder zurückkehrt, kann das die Bewegungsfähigkeit massiv einschränken. Mit zunehmender Nervenschädigung entwickeln sich schon kleine Verletzungen zu schlecht heilenden Wunden, was bis zur Nekrose, dem Zelltod führen kann. Auch dehnt sich die Schmerzempfindung, von einem zuerst begrenzten Bereich, oft über das gesamte Bein, den Arm aus. Eine Morphinpumpe, mit der sich die nötige Schmerzmitteldosis selbst bestimmen lässt, hilft dabei, sich auf ein selbstbestimmtes Leben einzulassen. Da nicht jede CRPS-Erkrankung gleich verläuft, sollten sich Betroffene rechtzeitig um die Sicherung ihrer Existenz kümmern und sich auf den möglichen Fall vorbereiten, nach der Amputation eines Armes, eines Beins an den Rollstuhl gefesselt zu sind. Neben der damit verbundenen psychischen Belastung entstehen durch den barrierefreien Umbau einer Wohnung Extrakosten.